Dresden baut am Energiekonzept

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Die Energiewende wird, so sie erfolgreich sein will, vor allem lokale Akzente setzen müssen. Umso mehr freute es mich, als ich vergangene Woche von der Bürgerfraktion im Dresdner Stadtrat angefragt wurde, ob ich zur Anhörung zum "Integrierten Energie- und Klimaschutzkonzept" im Stadtrat sprechen würde. Diese Anhörung fand heute statt. 10 Minuten sind verdammt wenig Zeit für eine angemessene Analyse eines 400-Seiten-Konzepts, welches die künftige Energieversorgung einer Halbmillionenstadt beschreiben soll. Meinen kurzen Vortrag, dessen einzige Folie die untenstehende Grafik war, dokumentiere ich an dieser Stelle:

Kommentar zum Integrierten Energie- und Klimaschutzkonzept der Stadt Dresden (IEuKK)

Ich betrachte dieses Konzept vor allem als Energie-Konzept. Die CO2-Emissionen sehe ich innerhalb dieses Energie-Konzepts als Maßzahl dafür an, wie hoch der Anteil fossiler Energie in unserem lokalen Energiesystem ist. Machen wir uns nichts vor: der Beitrag zum globalen Klimaschutz wird auch mit der Umsetzung des Dresdner IEuKK sehr gering bleiben. Wer auf einen wirklich spürbaren Beitrag leisten will, die CO2-Emissionen zu verringern, der möge seine Kollegen im Landtag dafür gewinnen, die Lausitzer Braunkohle im Boden zu belassen - denn eine echte globale CO2-Begrenzung ist nur möglich, wenn Kohlenstoff im Boden verbleibt.

Ich verstehe das vorliegende Konzept als Wegweiser zu einer langfristigen Energieversorgung unserer Stadt. Wie wichtig solch ein grundlegener Blick auf die lokale Energieversorgung ist, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass Dresden mehr als 80% seines Energiebedarfs aus Gas und Öl bezieht (siehe IEuKK, S. 21) und dass sowohl die Ölförderung wie auch die Gasförderung in Europa seit 2002 bzw. seit 2004 sinken:

Öl- und Gasförderung in Europa

Steigende Öl- und Gaspreise sind kein Zufall, sondern das Resultat eines sich verknappenden Angebots bei global steigender Energie-Nachfrage. Auf diese - im Verlauf der industriellen Entwicklung neuen - Situation müssen wir im Sinne der Daseinsvorsorge reagieren! Explizit hinweisen möchte ich daher darauf, dass das erste Wort im vorliegenden Energiekonzept „Ressourcenverknappung“ lautet. Ich möchte anregen, unsere lokalen Anpassungsmaßnahmen an die Ressourcenverknappung als Diskussionsschwerpunkt zu nutzen.

Ich empfinde das vorliegende Konzept als sehr wertvoll! Das betrifft sowohl die Analyse des Ist-Stands wie auch die beiden Szenarien und möchte daher den Erstellern in der Stadtverwaltung und den externen Zulieferern mein Lob aussprechen. Kritik gibt es dennoch:

Zum Beispiel an den Preisszenarien. Die Preisszenarien sind wichtig, weil sie uns helfen zu beurteilen, welche Kosten zu erwarten sind und welche Entscheidungen sich wann rechnen. Im „Referenzpreisszenario“ wird ein Ölpreis von 93 US$ in 2020 angenommen (IEuKK, S. 137). Diesem Szenario liegen offenbar veraltete Daten zugrunde, denn schon heute liegt der Ölpreis bei über 100 US$. 2012 lag der Preis fast ganzjährig bei 120 US$. Nichts deutet derzeit darauf hin, dass der Rückgang der Ölförderung in Europa gestoppt wird, weshalb ein Sinken des Ölpreises in einer immer energiehungrigen Welt extrem unwahrscheinlich ist.

Daher wird die Preisentwicklung drastischer sein und das „Hochpreisszenario“ wahrscheinlicher werden. Damit werden die zu erwartenden Kosten für die fossile Versorgung ohne Anpassungsmaßnahmen höher sein, als das Konzept bislang kalkuliert.

Das Konzept benennt zurecht immer wieder einen wichtigen Punkt: Es geht nicht nur um technische Entwicklungen, deren Eintreten trotz allen Technik-Optimismus unsicher ist. Vielmehr sollten künftig z.B. städtebauliche Entscheidungen immer auch unter Energiegesichtspunkten getroffen werden. Wie wir heute und morgen unsere Stadt bauen entscheidet übermorgen über Kosten, Versorgungssicherheit und Lebenswürdigkeit. Städtebau entscheidet über die Verkehrsentwicklung. (Stichwort: Stadt der kurzen Wege) Und der Verkehrsbereich könnte sich als Engpassfaktor erweisen, schlicht: Weil wir Strom nicht in die Tanks unserer heutigen Fahrzeugflotte kriegen. Das gilt nicht für die elektrisch betriebene Straßenbahn, aber die Güterstraßenbahn taucht beispielsweise im Konzept gar nicht auf. Verkehr bedeutet Transport von Mitarbeitern und Transport von Waren: Er ist also fundamental für unsere Unternehmen und damit die Wirtschaftsentwicklung; aber auch für unser aller Versorgung!

Das Konzept bleibt insbesondere an dieser Stelle unvollständig. Es blendet Flug- und Güterverkehr mangels kommunaler Einflussmöglichkeiten aus, aber diese beiden Bereiche betreffen den für die Stadt wichtigen Tourismus ebenso wie die Grundversorgung der Stadt mit Waren. Beim Biomasse-Potential erlaubt sich das Konzept einen Blick über die Stadtgrenzen hinaus, beim versorgungssensiblen Verkehr jedoch nicht. Wir sollten ins Auge fassen, die Risiken für unsere Stadt, die sich aus dem Überschreiten des Ölfördermaximums (siehe Grafik) im Bereich des überregionalen Verkehrs ergeben, einmal separat zu untersuchen.

Erfolg und Mißerfolg der großen wie auch der lokalen Energiewende wird sich letztlich an der Verfügbarkeit von Speichern festmachen. Umso verstörender ist es, dass eine Sanierung des Pumpspeicherwerks Niederwartha sich derzeit nicht rechnet (IEuKK, S. 31). Mit diesem lokalen Speicher ließe sich Windstrom ebenso speichern wie Solar- oder anderer Überschussstrom. Für die Energieversorgung Dresdens ist das Pumpspeicherwerk langfristig ein absolutes Juwel und es sollte daher alles unternommen werden, es zu erhalten und bereitzuhalten. Sollte Vattenfall sich entscheiden, das Objekt abzugeben, wäre es im Sinne der Energieversorgung Dresdens sinnvoll, es möglicherweise in lokales Eigentum zu überführen.

Ansonsten sollte uns umtreiben, wie wir die Kernerkenntnisse einerseits in die Dresdner Bevölkerung tragen, wie aber andererseits auch das schlummernde Potential der Dresdner genutzt werden kann. Dass dies nötig ist, spricht das Konzept verschiedentlich an, ich zweifle aber, dass die personelle Besetzung des Dresdner Klimaschutzbüro ausreichend ist. Dass es großes Interesse an Fragen der Energieversorgung gibt, haben wir vergangenes Jahr bei 2 Veranstaltungen mit dem Hygiene-Museum gesehen, als wir die Frage stellten „Wie funktioniert die Stadt ohne Öl?“ und jeweils 150 Besucher kamen. Das Konzept spricht Energiegenossenschaften an, mit denen das Geld der Dresdner für eine lokale Energiewende aktiviert werden kann und wo eine Positionierung des Stadtrates wünschenswert wäre. Aber Sie und die Mitarbeiter der Stadtverwaltung sollten sich über die „übliche Öffentlichkeitsarbeit“ hinaus auch fragen, wie wir die Köpfe, die Herzen und möglichst sogar die Hände der Dresdner gewinnen können, einen Wandel der Energie-Versorgung in unserer Stadt möglichst clever zu gestalten. Ein sehr gutes, diskussionswürdiges Konzept liegt uns vor.

Dresden, 30.05.2013

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Kommentare

Danke für diesen schönen Beitrag. Hier und vor allem im Stadtrat! smiley

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