Wenn Dresden

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Wenn Dresden im 3. Jahrtausend nach Christus ankommen will, dann müssen wir Dresdner erkennen, dass das Elbtal nicht der Mittelpunkt der Erde ist. Wir müssen verstehen, dass eine globale Kultur im Entstehen ist, mit nahezu grenzenloser Mobilität für Menschen und all die schönen Dinge, die wir regelmäßig aus den städtischen Konsumtempeln in unsere Wohnungen und Keller schleppen. So wie wir in den vergangenen 25 Jahren die Globalisierung willkommen hießen, als sie unseren Lebensstil explodieren ließ, so tun wir gut daran, jene willkommen zu heißen, die bei uns den Frieden und das Lebensglück suchen, dass ihnen woanders verwehrt wurde.

Out on the edges they're mixin' the colors
Some they don't like it but me I don't mind
In every city they're mixin' the colors
Different shades for the whole countryside

Iggy Pop "mixin' the colours" auf American Ceasar, 1993 (https://www.youtube.com/watch?v=dngc-fQjBJ4)

Wenn Dresden im 21. Jahrhundert ankommen will, müssen wir Dresdner eine Kultur entwickeln, die zu diesem planetaren Zusammenrücken passt. Wir müssen unsere Provinzhauptstadt öffnen und uns der Welt zuwenden. Wenn die Elbhänge uns den Horizont verstellen, müssen wir eben darüber hinaus klettern. Wir könnten Städtepartnerschaften nicht nur auf dem Papier entwickeln, sondern durch aktiven Schüleraustausch gestalten. Durch Stadtschreiber anderer Städte, die uns in Dresdner Zeitungen ihren externen Blick auf uns zeigen. Durch stadtübergreifende Forschungsprojekte, die tagesaktuelle Fragen inmitten der Stadtgesellschaften erforschen. Wir könnten jährlich die Welt zu uns einladen, so wie es Leipzig mit der schwarzen Subkultur macht, wenn halb Europa sich zu Pfingsten zum Wave-Gothic-Treffen aufmacht. Wir sollten Dresden im Europa der Städte und Regionen verwurzeln und andere Regionen als Freunde gewinnen. Dann könnte Dresden auch das werden, was gemeinhin der Idee einer "Kulturhauptstadt" zugeordnet wird.

Welcome, please, to Italy
The culture of the past
Take a trip to Russia
It could be the last
Welcome to Australia
Welcome to japan
There is so much to find out
You'll never see again

DIE ART, "wide wide world" auf DRY, 1989 (Leipzig) (https://www.youtube.com/watch?v=LV5joWaBwTc)

Wenn Dresden ankommen will in der planetaren Gemeinschaft, müssen wir Dresdner einen neuen Blick auf Kultur entwickeln. Kultur ist nicht nur die Geige, die im Kulti spielt, nicht nur die Meister in der Gemäldegalerie, nicht nur die barocken Fassenden der Altstadt. Kultur ist, wie wir miteinander umgehen. Grüßen wir unsere Nachbarn und kennen ihre Sorgen? Können wir andere Meinungen aushalten und konstruktiv auf unsere Konflikte schauen statt uns handfest oder verbal die Köppe einzuschlagen? Lernt die Dresdner Stadtgesellschaft, ihre Ängste auszusprechen und sich selbst dabei zu helfen, Wunden zu heilen und gesund in eine freundliche Zukunft zu gehen? Trauen wir uns, einander zuzuhören, auch wenn wir uns noch nicht das halbe Leben kennen? Wir leben im Zeitalter des Antropozäns: Der Mensch formt den Planeten wie keine andere Kraft. Wir verändern die Atmosphäre und den Boden, wir wandeln das Klima und die Meeresströmungen, wir rotten ganze Arten aus und transportieren irdisches Leben zu Mond, Mars und bis außerhalb des Sonnensystems. Unsere Spezies hat es geschafft, von außerhalb auf den Himmelskörper zu schauen, den wir bewohnen. Doch schaffen wir es auch noch, die dazugehörige Kultur zu entwickeln, die uns friedlich und kooperativ miteinander leben läßt?

Ich öffne mich
Und lasse dich in mein Leben
Ich werde mich nicht mehr
Der Schwerkraft ergeben
Ich öffne mich
Ich war zu lange gefangen
Zusammen können wir
Nach draußen gelangen

Tocotronic, "Ich öffne mich", Das rote Album (2015) (https://www.youtube.com/watch?v=ryG20i1zQu0)

Die Antwort auf diese Frage ist nicht außerhalb Dresdens zu finden. Unsere Stadt und jede(r) Einzelne als Elementarteilchen der Stadtgesellschaft muss hier vor Ort mitsuchen und jene Kulturpraktiken mitentwickeln, die wir als Stadtgesellschaft für das 3. Jahrtausend brauchen. Es gibt dafür keinen Masterplan und keine Anleitung, keinen Führer der weiß, wie das geht. Es gibt nur uns, die etwas eint: Wir wollen geliebt werden, wollen Anerkennung, Wertschätzung und ein friedliches Dasein für uns und unsere Nächsten. Es liegt an uns Dresdnern die Zukunft unserer Stadt nicht als etwas von außen kommendes wahrzunehmen, sondern als das, was wir mit uns machen.

Das Verhängnis unserer Kultur ist, dass sie sich
materiell viel stärker entwickelt hat als geistig.

Albert Schweitzer

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